Ingwertee und Imagepflege

St. Oberholz (by angermann)
Berlin hat viele Stadtteile, die unterschiedlicher kaum sein können, das weiß nicht nur Berliner Pilsener. Doch ein Bezirk sticht besonders hervor. In Prenzlauer Berg scheint sich eine Kolonie außerirdischer Übermenschen niedergelassen zu haben, die zwar nicht die Welt, aber immerhin sich selber retten wollen.
Etwas angestrengt aber dennoch betont lässig balanciert Hagen seinen frisch gebrühten Ingwertee zu seinem 50er Jahre Nierentisch. Er lässt sich in den ebenfalls in etwa aus dieser Zeit stammenden Vintage- Sessel fallen und widmet sich seinem Dinkel-Möhren-Kuchen. Nein, wir befinden uns nicht in einer Kommune auf dem Land, dessen Bewohner sich dem Asketendasein und Veganertum verschrieben haben, sondern im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, dem Domizil für die Schönen und Kreativen der Hauptstadt. Im Café Oberholz wird zelebriert, was dem angrenzenden Stadtteil sein Gesicht verleiht: Wohin das Auge reicht, sieht man jung gebliebene Mittdreißiger, die sich grübelnd durch ihre Dreitagebärte streichen und bierernst auf den Bildschirm ihres Mac Books starren. Wahnsinnig wichtig, was die da machen, denkt sich der Beobachter und ist etwas überrascht, wenn er einen kurzen Blick über die Schulter eines solchen Neo-Workaholics erhaschen kann. War das nicht gerade ein Musik-Download-Programm, bei dem sich schleichend die Balken füllen, aber sonst herzlich wenig passiert, was besonders großer Aufmerksamkeit bedarf? Auch Hagen hat seine gesunde Ernährung vorerst abgeschlossen und kann jetzt wieder „weiterarbeiten”. Und was arbeitet er so? Er macht was mit Medien. Und was genau? Letztens war er in New York und hat da mit ein paar Leuten von Universal was ausgedealt. Gebrieft ist er jetzt für’s Business und total into it. ‘N großes Ding wird das, da sind er und die anderen sich sicher. Er war eben auch genau der richtige Mann für den Job, schließlich macht er ja nebenbei auch was mit Design, eigentlich ist er ja Künstler und selbstständig. Für BMG, MTV und in der PR Abteilung von Adidas hat er auch schon gearbeitet. Große Namen in der Branche sind das…
Eigentlich könnte im Oberholz permanent Max Herre’s „King vom Prenzlauer Berg” laufen. Eines wird jedenfalls klar, nicht nur der Ingwertee in henkellosen Gläsern ist hier verdammt heiß, sondern auch die Luft. Hier im hipsten Bezirk von Berlin wird auf die Spitze getrieben, was sich als generelle Tendenz in der heutigen Massengesellschaft abzeichnet. Eine regelrechte Olympiade der Selbstdarstellung, bei der in den Disziplinen „Vita-Pimpen”, „Welt-Gesehen-Haben” und „Wichtige-Leute-Kennen” erbittert um den goldenen Pokal der allgemeinen Bewunderung gekämpft wird. Frei nach der „Mein Haus, mein Auto, mein Pferd”- Mentalität schmückt sich der junge Mensch von heute mit allerlei Namen, Marken, Städten und sonstigen identitätssteigernden Mittelchen bis er schließlich aussieht wie ein überladener Weihnachtsbaum, dessen gesundes Tannengrün längst schon aufgrund der mangelnden Sauerstoffzufuhr unter der schweren Last verwelkt ist. Dort, wo sich Eberswalder Straße und Schönhauser Allee treffen, findet auch die wohl repräsentativste Straße des Stadtteils ihren Anfang. Die Kastanienallee wird im Volksmund nicht umsonst nur noch die „Castingallee” genannt. Sehen und gesehen werden, darum geht es hier. Wie Zuschauertribünen reihen sich die Bänke der Straßencafés aneinander und säumen den Catwalk der Multitalente und Kreativköpfe. Ein solches Spektakel hat seinen Preis und so kommt es, dass nicht nur die Getränkepreise den Platz in der ersten Reihe zu finanzieren scheinen. Auch die Wohnungen hier im Kiez sind nahezu unbezahlbar geworden. Kein Wunder, denn eine Dachgeschosswohnung am Helmholtzplatz ist hierzulande so etwas wie die goldene Weihnachtsbaumspitze, die aus jeder Tanne einen Star macht. Für 3300 Euro pro Quadratmeter kann sich der Interessierte ein Stück vom großen Lifestylekuchen kaufen und den eigenen Selbstwert schlagartig in die Höhe treiben, da ist das Geld gut angelegt. Der ehemalige Ostbezirk hat in den Jahren seit dem Fall der Mauer eine rapide Entwicklung hingelegt. Allein zwischen 1995 und 2000 hat sich die Hälfte der Bevölkerung ausgetauscht. Heute werden die elf Quadratkilometer von ca. 143000 Menschen bewohnt, die aus Prenzlauer Berg einen kleinen elitären Planeten machen, der in seiner Umlaufbahn nur Menschen begrüßt, die eine beeindruckende Vita vorweisen können, die schon die ganze Welt gesehen haben, die viele wichtige Leute kennen…
Der Anteil der Akademiker ist dementsprechend hoch und die Anzahl der Bewohner, die von staatlichen Leistungen abhängig sind, so niedrig wie in keinem anderen Berliner Bezirk. Die Menschen, die hier wohnen und ihren Ingwertee schlürfen, machen einfach alles richtig. Sie sind jung, schön, multikulturell und aufgeklärt linksalternativ. Sie wählen die umweltfreundlichste Partei, kaufen Ökostrom und Biokost, bekommen viele Kinder und geben ihren Haustieren vegetarisches Futter zum Frühstück. Ihre Wohnungen haben hohe Decken und Stuck, ihre Möbel tragen das Etikett „Designerstück” und ihr Auto fährt mit Erdgas. Sie arbeiten in der Medienbranche, wahlweise für Film, Fernsehen oder in der Werbung und sie hören Musik von Schallplatten, ganz „old school” eben. Sie sind gekommen, um die Welt zu retten. Ja, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Die Bewohner von Prenzlauer Berg scheinen ihr Leben nach einem Bilderbuch gestaltet zu haben, nur leider alle nach dem gleichen, muss ein Bestseller sein. Aber woher kommt eigentlich dieser übersteigerte Selbstdarstellungsdrang? Wann ist aus einer Generation X ein Haufen Fassadenmaurer geworden, die wie die Lemminge nach dem Ideal aus einer ….-Werbung streben? Psychologen sprechen von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, Historiker von einer ganzen Gesellschaft, die dem Ich-Kult verfallen ist. Mehr und mehr entscheiden statt Taten die perfektionierten Künste der Imagepflege über den Erfolg einer Karriere, gar einer ganzen Existenz. Wenn Narzissmus die Krankheit ist, die unsere Industriegesellschaft befallen hat, dann kann man in Prenzlauer Berg ihren wuchernden Tumor bewundern. Selbstverliebt und egoman kämpft sich die junge Pseudo-Bohème durch ein kontroverses Gefüge von schwindenden Sicherheiten, wachsenden Konsummöglichkeiten und medialer Reizüberflutung. Fragt man einen der Jünger in Röhrenjeans und Ray Ban Brille nach seinem Werdegang, so bekommt man zwar freudige Auskunft, aber fast immer ein und dieselbe Antwort: Alles hat mit Kurt Cobain angefangen, man war schon immer irgendwie anders, schließlich hat man sich in seiner zehnten Yoga-Stunde selbst gefunden und ernährt sich nun gesund und treibt viel Sport. Im Beruf kommt man viel rum, trifft wahnsinnig interessante Leute und die Beziehung zum Traumpartner läuft seit fünf Jahren einfach super. Dass man vor Kurt Cobain Backstreet Boys Fan war, dieses meditative Gehampel mit dem kollektiven „Ommm” eigentlich total albern findet, am liebsten Cheeseburger isst, eigentlich noch nie einen festen Job hatte und seit drei Jahren verzweifelter Single ist, wird freundlich lächelnd verschwiegen.
Es ist 18 Uhr und im Oberholz wird von Ingwertee und Bionade auf Tannenzäpfle und Rotwein umgestiegen. Für Hagen wird es langsam Zeit zu gehen. Morgen geht es früh raus, schließlich arbeitet er gerade für Universal. Dass er dort nur ein unentgeltliches Praktikum macht, wie sie schon zuhauf seinen Lebenslauf schmücken und er mit 35 Jahren eigentlich noch keine Ausbildung abgeschlossen hat, erwähnt er nicht. Hagen schwingt sich auf sein 70er Jahre Rennrad in Nil-blau und verschwindet die Rosenthaler Straße hoch nach Hause. Zum Glück weiß keiner, dass ihn sein Weg nicht nach Prenzlauer Berg, sondern weiter nach Wedding führt.