Sind Sie eigentlich hip?

Turid Reinicke | 12. November 2008

MP3-Player (by computerjoe)

 

Kennen Sie den neuen tollen allround bootfähigen special energizing mega volume dreifach zoooooooom mp3 player ? Nein? Sagte mir auch nichts, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er unsere Agentur epidemieartig einnahm: Jeder Idiot lief damit herum. In der Mittagspause, nach Feierabend, heimlich auf der Toilette… Jeder hatte ihn augenblicklich zu seinem Eigentum gemacht. Jeder außer mir. Ich weigerte mich, den Trend mitzumachen, mich in die Masse der Lifestyle-Victims einzuordnen. Außerdem hatte ich keine Kohle für solche Spielereien, schließlich stand Weihnachten vor der Tür und die Göre geben sich heutzutage ja auch nicht mehr mit einer Tafel Schokolade zufrieden. „Geiz ist geil! Ihr scheiß Neuzeit- Yuppies!“, dachte ich mir und widmete mich wieder meiner Arbeit. Missmutig musste ich mir die nächsten Tage die Schwärmereien von Kollegen, Freunden und dem ein oder anderen Rivalen anhören, freundlich lächeln und zähneknirschend… Meine Entscheidung bereuen!!! Es dauerte keine Woche bis ich mich der Schmach und der Demütigung entziehen wollte. Letztendlich bahnte ich mir doch den Weg in die wahnsinnig übersichtliche Zehn-Etagen-Welt des Elektroanbieters meines Vertrauens und rief voller Inbrunst: „Das kauf ich euch ab!“ Nun konnte ich ruhig schlafen, jetzt fühlte ich mich wieder gut. Das böse Erwachen erwartete mich am nächsten Tag: Endlich war ich mit dabei, endlich konnte ich mitschwärmen, endlich war ich ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, des Kollegenkreises, endlich war ich…Nein, war ich nicht. Der Grafikdesigner, den ich schon seit seiner Beförderung in unsere Reihen abgrundtief verachte, teilte es mir süffisant grinsend mit: Wer HEUTE etwas auf sich halte,  bezeuge dies mit dem Erwerb des neusten Models aus der Premium Edition super force 4: Der unantastbare steel protection survivor music flow generator im ultra stylischen Space Look!!! Das sei jetzt das Objekt der Stunde. Er für seinen Teil, hätte sich seinen gestern erst angeschafft. – Achso?! Ja, so oder ähnlich trägt es sich zu, im Zeitalter der schnellen Trends und kurzweiligen Innovationen. Sämtliche Bereiche des alltäglichen Lebens, die ganze große Konsumglitzerwelt ist betroffen: Heute In, morgen Out. Als normalsterblicher Konsument hat man sein Kaufverhalten den Begebenheiten zwar bereits angepasst, hinterherzukommen scheint aber dennoch unmöglich. ”Die Mode ist ein ästhetisches Verbrechen. Sie will nicht das Endgültig-Gute, das Endgültig-Schöne. Sie will immer nur etwas Neues.“, stellte Peter Altenberg, ein österreichischer Schriftsteller schon Anfang des 20. Jahrhunderts fest. Das Streben nach Aktualität und Übersättigung scheint sich seitdem noch gesteigert zu haben. Im 21. Jahrhundert, inmitten einer modernen Industrienation, fällt es uns schwer bei all unseren Terminen, Verpflichtungen und vor allem Möglichkeiten, den Überblick zu behalten und nicht von dem Überangebot der Modeartikel erschlagen zu werden. Leidet der Mensch heutzutage an alltäglicher Überbeanspruchung und medialer Reizüberflutung? Wer von uns hat denn schon Zeit, die aktuellen Trends zu genießen, geschweige denn, sie zu hinterfragen? Nehmen wir zum Beispiel die Musik. Unsere Eltern hatten ihrer Zeit Ikonen, ihre unantastbaren Lieblingsbands, und das über Jahre hinweg. Heute sind wir froh, wenn wir uns den Titel merken können, den wir gestern im Radio gehört und für gut befunden haben. Morgen wird er samt seiner Interpreten in der Versenkung verschwunden sein und wir mit allerhand neuen Hits beschallt werden. Wir kaufen uns eine CD, hören sie einmal, um dann schnell wieder der aktuellen Chartshow zu lauschen, damit wir ja nichts verpassen. So reiht sich One-Hit-Wonder um One-Hit-Wonder in unserem CD-Regal, während wir weiter auf der Suche nach etwas neuem, etwas besserem, etwas modernerem sind. Bringt es das aktuelle Zeitgefühl der Globalisierung zwangsläufig mit sich, dass wir immer und überall alles haben, ständig am Puls der Zeit sein und niemals hinterherhinken wollen? Sind wir zu materialistischen Stereotypen verkommen, die vergebens nach Pseudo-Individualität und ultimativer Hipness streben? Haben uns die Medien schon soweit manipuliert, dass wir jeglichen Sinn für Genuss und Zufriedenheit verloren haben, in dem Wahn, immer der neusten Mode zu folgen? Haben wir uns längst in eine Konsumabhängigkeit  begeben, die fortan unsere Alltag regiert… Müde lächelnd zuckte ich dem Grafiker-Lackaffen gegenüber mit den Schultern. Wiederum eine Woche später stellte sich heraus, dass der steel protection survivor music flow generator im ultra stylischen Space Look leider einen erheblichen Produktionsfehler aufwies und von gleich auf jetzt wieder weg war vom Fenster. Ich für meinen Teil habe mir seitdem kein neues transportfähiges Musik-Irgendwas mehr gekauft und den ein oder anderen Trend an mir vorbeiziehen lassen. Jede Woche losrennen und mich mit dem neuesten technischen Schnickschnack ausstatten, der morgen wieder überholt ist??? – „Ich bin doch nicht blöd!“

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